| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 |
Claus Fritzsche: Meine provokative - aber ernst gemeinte - These, in bedeutenden
physikalischen Forschungslaboren müssten gemäß der engeren Wikipedia-Definition
Esoteriker arbeiten, beantworteten Sie mit Schlussfolgerungen, welche eine ganz
bestimmte Interpretation des Wortes „Esoterik“ beinhalten. Bitte erlauben Sie mir, vor
diesem Hintergrund nochmals einen Schritt zurück zu unserer Begriffsdiskussion zu
machen.
Wikipedia definiert Esoterik im engeren Sinne als einen Sammelbegriff für
Lebensanschauungen, welche die Existenz von Kräften und Einflüssen außerhalb
des naturwissenschaftlichen Weltbildes annehmen. Nicht mehr und nicht weniger.
Es ist mein Anliegen, in unserer Diskussion zwischen zwei Ebenen klar zu
unterscheiden: (A). Was lässt sich inhaltlich aus der (historischen) Bedeutung von
Begriffen wie z.B. Skeptizismus oder Esoterik ableiten? (B). Wie gehen Menschen
mit diesen Begriffen um?
Verstehe ich Sie richtig, dann gehen Sie in Ihrem letzten Beitrag von ganz
bestimmten persönlichen Erfahrungen aus, welche Sie mit Personen gemacht haben,
die aus Ihrer Sicht in das Raster „Esoterik“ passen. Für mich entsteht dabei der
Eindruck, dass Sie folgenden Schluss ziehen: Real ist für Sie das, was
wissenschaftlich in irgendeiner Form entschlüsselt wurde. Irreal ist für Sie das, was
wissenschaftlich nicht entschlüsselt wurde oder wissenschaftlich falsch abgeleitet
wurde. Esoterik ist vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrung und Ihrer Interpretation irreal.
- Aus meiner Sicht ist die Ebene (B) durchaus ein weites Feld für berechtigte
kontroverse Diskussionen. Ich halte es jedoch für sinnvoll, zu Beginn unseres
Dialogs zwischen der historischen Bedeutung eines Begriffes und dem, was
Menschen daraus machen, zu trennen.
Grundsätzlich bin ich auch der Meinung, dass es einen gravierenden Unterschied
zwischen „wissenschaftlich nicht bewiesen“ und „irreal“ gibt. Schaut man sich die
Geschichte des Menschen an, so können wir eine kontinuierliche und immer
schneller werdende VerÄnderung seines Realitätsbildes beobachten. In bestimmten
Abständen gab es größere Sprünge, in denen das Weltbild einer bestimmten Zeit
einen großen Umbruch erlebte. Die Menschen einer einzelnen Epoche sind jedoch
überwiegend der Meinung, dass das Realitätsbild ihrer Zeit den „State of the Art“
repräsentiert. Sie können sich größere Sprünge und VerÄnderungen in der Regel
nicht vorstellen. Dies gilt für das Jahr 1790 ebenso wie für die Jahre 1871, 1907,
1954 oder 2005. Wir können uns heute zwar spektakuläre wissenschaftliche
Fortschritte vorstellen. Unvorstellbar ist für uns jedoch, dass es einen fundamentalen
Wechsel gibt, in welchem sich heute noch gültige Prämissen morgen schon als
ungültig erweisen. Viele heute akzeptierte Erfinder wurden zu Lebzeiten verlacht und
verhöhnt. Darüber kann man sich in der Regel nur rückblickend amüsieren. Späteren
Generationen ist es vorbehalten, über uns zu schmunzeln.
Warum diese Ausführungen?
Die Naturwissenschaften beschäftigen sich heute mit „Kräften und Einflüssen“,
welche beispielsweise im Jahre 1823 unbekannt und außerhalb jeglicher geistiger
Reichweite waren. Folge ich der oben nochmals zitierten Wikipedia-Definition im
engeren Sinne, so sind Rundfunk und Fernsehen im Jahre 2005 Normalität, im Jahre
1823 jedoch in der Logik des Begriffs „Esoterik“: Kräfte und Einflüsse außerhalb des
wissenschaftlichen Weltbildes.
Bleibe ich zunächst einmal bei der reinen hier verwendeten Logik des Begriffs
„Esoterik“, so lässt er keine Wertung wie z.B. „real“ oder „irreal“ zu. Es ist allein die
Rede davon, dass es inhaltlich um Kräfte und Einflüsse geht, welche von Menschen
für real gehalten werden und zu einem Zeitpunkt X nicht durch das
naturwissenschaftliche Weltbild gedeckt sind. Sie können real und sie können irreal
sein. Folge ich dieser neutralen Logik, so beschäftigen sich heute diverse
physikalische Forschungslabore mit Phänomenen, welche vor noch nicht zu langer
Zeit „Esoterik“ im Sinne dieser Definiton waren.
Mir ist klar, dass diese Art des Umgangs mit dem Begriff „Esoterik“ nicht üblich ist.
Aus meiner Sicht kann sie jedoch helfen, sich einem auf den ersten Blick diffusen
und wolkigen Thema präzise und logisch stringent zu nähern.
