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Elke Stangl: Auch mir ist es ein Anliegen, mich allen hier verwendeten Begriffen
logisch und stringent zu nähern. und möchte zuerst an Ihre Interpretation meiner
Statements anschließen: "Real ist für Sie das, was wissenschaftlich in irgendeiner
Form entschlüsselt wurde. Irreal ist für Sie das, was wissenschaftlich nicht
entschlüsselt wurde oder wissenschaftlich falsch abgeleitet wurde."
An diesem Satz lässt sich vielleicht das prinzipielle Missverständnis herausarbeiten,
das meines Erachtens (auf einer Metaebene) vorliegt: Mit dem Begriff "real" würde
ich gerade als Wissenschaftler sehr vorsichtig umgehen. Das hier schon öfter
erwähnte "wissenschaftliche Weltbild" beinhaltet keinen absoluten Begriff von
"Realität" (sehr wohl wissenschaftliche Hypothesen darüber, die ich aber dem
Bereich der Erkenntnistheorie zurechne, für die ich kein Experte bin). Wenn es ein
Weltbild gibt, besteht das in einer Herangehensweise an Phänomene, die sehr viel
mit Hausverstand zu tun hat. In diesem "Weltbild" haben natürlich Phänomene Platz,
die unbestreitbar "vorhanden sind", aber noch nicht "entschlüsselt".
Wissenschaftliche Sicht auf diese Phänomene bedeutet für mich, es für möglich zu
halten, dass diese erklärbar wären und auf der Basis von Hypothesen, Beweisen
oder Gegenbeweisen nach einer "Erklärung" zu suchen, die immer auch die
Möglichkeit beinhalten wird, später einmal falsifiziert werden zu können. Natürlich ist
auch die Wahl der Methoden und der Festlegung von Nachweisbarkeitsgrenzen
selbst wieder Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen auf einer Metaebene.
Wenn ich jetzt etwas pointiert-provokant formuliere, würde ich sagen, dass eigentlich
nichts dagegen spricht, "alles" in "das wissenschaftliche Weltbild" einzubeziehen. Ich
habe etwas den Eindruck, dass versucht wird, Esoterik bewusst als einen Gegenpol
zu Wissenschaft und Skeptizismus zu positionieren im Sinne von "Esoterik fängt dort
an, wo Wissenschaft nichts mehr erklären kann". Nur definiert sich "die
Wissenschaft" meiner Meinung nach eben nicht über das "Erklärbare".
Wäre eine Definition von Esoterik als "Beschäftigung mit dem, was die Wissenschaft
(noch) nicht erklären kann" nicht vergleichbar mit dem Ansatz, alles "wissenschaftlich
Unerklärbare" einer religiösen Sphäre zuzuweisen? Damit wäre für mich die nächste
logische Frage: Was unterscheidet Esoterik von Religion? Wenn man die Frage
damit beantwortet, dass Religiöses prinzipiell nicht erklärbar ist und esoterische
Phänomene das Potential haben, vielleicht in Zukunft erklärt werden zu können –
dann sehe ich wieder die Abgrenzung von der Wissenschaft nicht deutlich.
Wenn ich versuche, eine Definition zu finden, was man sinnvoll von Wissenschaft
abgrenzen könnte, dann würde ich das weniger in konkreten Phänomenen und
Fachgebieten sehen ("erklärbar" oder nicht), sondern in tief greifenden
Auffassungsunterschieden, wie man zu "Erklärungen" kommt.
Ich habe hier den subjektiven Eindruck (das ist jetzt sozusagen eine
wissenschaftshistorische Hypothese von mir), dass es zumindest Bereiche in der
Esoterik gibt / Denkschulen / Personen, die bei der Aufstellung ihrer Theorien einfach
bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren und versuchen, in "ihrer
eigenen Welt" mit einem komplett neuen Vokabular zu formulieren und zusätzlich
auch an die Konsistenz und "Strenge" innerhalb ihrer eigenen Theorien andere
Maßstäbe anlegen als "die Wissenschaft". Das kann man prinzipiell wertfrei sehen
und daran eine Diskussion über die Grundlagen wissenschaftlichen Denkens und
Publizierens anknüpfen.
Hier könnte man im Sinne einer Abgrenzung von "Esoterik" und "Wissenschaft" aus
meiner Sicht als Kriterium das Fehlen von Verweisen auf existierende Publikationen
heranziehen, was wahrscheinlich wechselseitig gilt. Man könnte auf der Basis von
Publikationen und gemeinsamen Projekten eine Art Landkarte wissenschaftlicher /
parawissenschaftlicher und esoterischer Communities zeichnen – meine These ist,
dass sich hier abgrenzbare Bereiche ergeben würden, und mehr als zwei.
Aus meiner "wissenschaftlichen Sicht" bin ich jetzt offen für das Ergebnis: Meine
Hypothese ist es, dass wir abgrenzbare Communities finden würden – vielleicht ist
aber die Durchdringung größer als angenommen. Aber ohne konkrete Untersuchung
(über deren Mittel, Aufwand, geographischen und zeitlichen Rahmen… wir uns
ebenfalls einigen müssten), kann ich zur Klärung nichts weiter beitragen.
Würden Sie das für einen gangbaren Weg halten?
