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Claus Fritzsche: Was den Begriff „wissenschaftliches Weltbild“ angeht, so bestehen
hier aus meiner Sicht verschiedene Deutungszugänge, je nachdem wer diesen
Begriff in welchem Zusammenhang verwendet. Für Otto Normalverbraucher sind
Aussagen „der Wissenschaft“ in der Regel gleichbedeutend mit „Realität“, welche
nicht in Frage gestellt wird. Dazu zähle ich beispielsweise das, was in der Schule an
naturwissenschaftlichem Grundwissen vermittelt wird und Medienberichte nach dem
Schema „Forscher in X haben festgestellt, dass Y“. Innerhalb der so genannten
wissenschaftlichen Gemeinschaft gibt es darüber hinaus die Vorstellung, dass
wissenschaftlich gültig alles das ist, auf was man sich auf der Grundlage bestimmter
Methoden und Spielregeln geeinigt hat. Und zwar solange, bis es falsifiziert wurde.
Nach meiner Beobachtung gilt dabei die Regel: Auch hochkarätige Wissenschaftler
sind Menschen. Sie werden durch einen Aspekt, den ich hier einmal „subjektiv
gefühlte wissenschaftliche Realität“ nennen will, beeinflusst und zeigen selbst im
Falle bestehender Anomalien mitunter keine große Bereitschaft, wissenschaftliche
Prämissen und Paradigmen in Frage zu stellen. Ganz zum Schluss gibt es noch
einen meiner Vermutung nach nicht sehr großen Kreis von Menschen, denen
bewusst ist, dass Naturwissenschaften nicht die Wissenschaften der Natur sondern
die Wissenschaften der menschlichen Interpretation der Natur sind. Welche den
damit verbundenen möglichen Makel durch „das“ kompensieren wollen, was Sie eine
wissenschaftliche „Herangehensweise an Phänomene“ nennen.
Sie äußern den Eindruck, dass ich versuche, Esoterik bewusst als Gegenpol zu
Wissenschaft und Skeptizismus zu positionieren. Im Sinne von „Esoterik fängt dort
an, wo Wissenschaft nichts mehr erklären kann“. Diese Interpretation teile ich
ansatzweise, jedoch nicht pauschal. Ich bin der überzeugung, dass viele – jedoch
nicht alle – Themen der Esoterik Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen
sein können.
In der Praxis sehe ich hier jedoch einen Konflikt. Ich vermute, dass eine
reduktionistischer wissenschaftliche Methodik vollkommen ungeeignet ist, ganz
bestimmte Phänomene zu entschlüsseln. Immer dann, wenn es um komplexe
Systeme geht, in denen das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, in denen
der Mensch die Vielzahl der Variablen nicht mehr isolieren kann und vielleicht noch
nicht einmal alle tatsächlich existierenden Variablen, Wechselbeziehungen oder
sogar Dimensionen kennt, stößt eine reduktionistische wissenschaftliche
Herangehensweise aus meiner Sicht an Grenzen. Dies gilt beispielsweise für den
gesamten Themenkomplex „Bewusstsein“, der – welch ein Zufall – ein zentrales
Thema der Esoterik ist. Ich vertrete auch die Auffassung, dass WISSENschaft nicht
in der Lage ist, Bewusstseins-Dimensionen komplett zu erschließen. Dimensionen
wie z.B. „Liebe“ oder „Sehen“ können Sie in Form von WISSEN keinem Menschen
vermitteln, welcher nicht selbst schon einen auf eigener Erfahrung basierenden
Zugang zu diesen Dimensionen hat. Unterstellen wir einmal, Nahtodeserlebnisse,
wie sie im Rahmen einer Studie des Herzspezialisten Pim van Lommel 2001 im
renommierten britischen Journal THE LANCET der Öffentlichkeit vorgestellt wurden,
hätten eine reale Grundlage. Wäre dies der Fall, dann wüsste ich nicht, auf welche
Weise Wissenschaftler dieses Phänomen in seiner ganzen Dimension erforschen
wollten, ohne sich selbst das Leben zu nehmen und damit das Ergebnis ihrer
Recherche schuldig zu bleiben. Erheben Sie den Anspruch, grundsätzlich jedes
esoterische Phänomen müsse sich mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise
erschließen lassen, dann macht diese Sichtweise Sinn, wenn Sie Aspekte der
Esoterik wie z.B. ein Leben nach dem Tode mit großen Zweifeln aus der Distanz
betrachten und im Zweifelsfall für Unsinn halten. (Für mich wäre dies ein Indiz dafür,
dass Sie menschlich verständlich, aber – weil nicht indifferent – ganz
unwissenschaftlich Anhänger eines negativen Glaubenssystems zu diesem Thema
wären.) Trotz dieser Einschränkungen vertrete ich die Ansicht, dass eine
wissenschaftliche Herangehensweise durchaus in der Lage ist, einen bestimmten
Anteil esoterischer Theorien als Hokuspokus zu entlarven und dass es durchaus
wertvoll sein kann, bestimmte Aspekte aus dem Umfeld Esoterik, beispielsweise die
in der Akupunktur angenommenen „Energie-Meridiane“, wissenschaftlich zu
untersuchen.
Wird der Homöopathie eine physikalische Wirkung unterstellt, so lassen sich
Hypothesen dieser Art meines Wissens nach mit vorhandener wissenschaftlicher
Methodik eingrenzen. Wird Homöopathie allerdings eine geistige Wirkung unterstellt,
so ist die etablierte reduktionistische wissenschaftliche Herangehensweise nach
meiner persönlichen Einschätzung nicht geeignet, für Erkenntnisgewinn zu sorgen.
Wollen wir untersuchen, warum eine homöopathische Hochpotenz am Institut für
Pharmazie in Leipzig in der Lage ist, eine Entspannungs-Reaktion an Rattendarm
auszulösen, dann fehlt bis heute eine Methodik für den Fall, dass es sich hier um ein
geistiges Phänomen handelt, welches sich (ähnlich wie „Liebe“) nicht unter
standardisierten Rahmenbedingungen in anderen Forschungslaboren auf
Kommando reproduzieren lässt. Prof. Dr. Karen Nieber vom Institut für Pharmazie
der Universität Leipzig, absolut keine Anhängerin esoterischer Vorstellungen, hat ihre
Rattendarm-Experimente mit einer homöopathischen Hochpotenz auch nach
diversen Kontrollversuchen wiederholen können. Die bisherige homöopathische
Forschungs-Historie hat jedoch in allen ähnlichen Fällen gezeigt, dass sich
vergleichbare positive Versuchsergebnisse später nicht mehr wiederholen ließen. In
der wissenschaftlichen Praxis wird aus dieser nicht möglichen Wiederholbarkeit
homöopathischer Experimente geschlossen, dass im einzelnen Experiment ein
Fehler vorliegen musste. Hier sehe ich eine gravierende methodische Schwachstelle,
welche zur Folge hat, dass sich Anomalien nach unserem Weltbild richten müssen
(d.h. als nicht existent ausgeblendet werden), anstatt neue Forschungsmethoden zu
suchen, welche den beobachteten Phänomenen gerecht werden. Eine bestimmte
Anzahl positiver Homöopathie-Experimente mit anschließender Nichtwiederholbarkeit
sollte aus meiner Sicht irgendwann einmal Anlass dazu sein, neue Einflussgrößen zu
vermuten. Die an diesem Beispiel veranschaulichte methodische Schwachstelle zeigt
sich aus meiner Sicht immer dann, wenn Anomalien rund um den Themenkomplex
„Bewusstsein“ untersucht werden.
