Was ist Wissenschaft?
Wissenschaftliches Herangehen an eine Fragestellung hat etwas sehr Bescheidenes, Demütiges an sich. Ich verbinde mit dem Begriff 'Wissenschaft' nicht in erst Linie umwälzende Veränderungen, auch deswegen, weil diese scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Änderungen das Ergebnis langer Prozessketten des Denken und Bemühens, von Versuch und Irrtum (vieler Einzelpersonen) sind.
Am Beginn einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einem Problem steht eine Formulierung der Frage unter Verwendung von Definitionen, die so eindeutig wie nur irgend möglich sind.
Jeder Definition liegt eine bestimmte Weltanschauung oder zumindest eine Art Denkschema zugrunde. Vor einer Definition von Begriffen muss klar sein, was diese Definition bewirken soll. Gerade eine Definition von Wissenschaft wird daher immer subjektiv bleiben, das Verständnis von 'Wissenschaft' auch eine Gebrauchsanleitung für den Umgang mit Definitionen beinhaltet. Hier ergibt sich eine rückbezügliche Verflechtung der Begriffe Wissenschaft und Definition.
Wissenschaft versucht ein tieferes Verständnis des Universums zu erreichen.
Verständnis bedeutet, beobachtete Naturphänomene erklären zu können. Auch und gerade in unserer 'modernen Welt' wird die Komplexität und Rätselhaftigkeit einer 'uns Menschen gegenüber stehenden natürliche Welt' erweitert durch die Komplexität der von uns geschaffenen Systeme und Technologien. Obwohl es hier keine Fragen geben sollte, die sich nicht einfach durch 'Nachsehen in der Bauanleitung' lösen lassen sollten, entspricht die (zielführendere) Heransgehensweise an diese künstlichen Systeme eher der des Naturbeobachters. Fehler in Software zu suchen ist den Methoden nicht unähnlich, die ein Experimentalphysiker anwendet, um Vakuumlecks in seiner Apparatur zu suchen.
Erklärungen setzen Phänomene mit anderen Phänomenen in Zusammenhang und verwenden eine formale Sprache, meistens die der Mathematik.
In der formalen Sprache wird eine Theorie formuliert. Formal nicht (immer) im mathematisch-formalen Sinn, aber zumindest mit einer gewissen Strenge, die eine Selbstverpflichtung der Selbstkonsistenz nach sich zieht.
Theorien können bis zu einem gewissen Grad verifiziert werden, indem eine Hypothese über ein noch nicht beobachtetes Phänomen aufgestellt wird.
Theorien müssen immer so formuliert werden, dass sie auch falsifiziert werden können.
Konkret wird Wissenschaft oft erlebt als Aktivitäten des Wissenschaftsbetriebes bzw. der wissenschaftlichen Gemeinschaft (Scientific Community) und ist damit ein kulturelles Phänomen.
Analog zu dem Ausspruch, dass Demokratie die schlechteste aller Staatsformen ist, es aber keine bessere gibt, sehe ich in den Grundzügen nicht wirklich eine Alternative. Oder: Kritik an dem Wissenschaftsbetrieb oder anderen kulturellen Aspekten bedeuten nicht automatisch, dass es nicht sinnvoll wäre, so etwas wie eine 'wissenschaftliche Heransgehensweise' an Probleme zu definieren.
Wissenschaft ist - trotz aller PR-Bemühungen sie als 'spannend' etc. darzustellen: unaufgeregt, nüchtern und von Detailarbeit geprägt. Ich halte diese Prädikate für positive Eigenschaften. Ein seriöser Forscher wird gerade in der Euphorie eines 'Hereka!' seine ganze Distanziertheit und Skepsis bemühen, um die eigenen Ergebnisse zu prüfen.
(Kleinere Änderungen im Herbst 2009)
